Lebenslauf

Kalli,- von DicKERLI, was vielleicht für den kleinen Jungen mal zutraf, später nicht mehr. Es schliff sich ja auch zu "Kalli" ab, was gut zu ihm passte, irgendwie. Lange, blonde Locken, bekleidet mit Jeans, Sporthemd, irgendeiner sportlichen Jacke, zeitweilig Cowboystiefeln, später einfachen ledernen Halbschuhen. OutFIT eines netten großenJungen, meistens freundlich und lächelnd bis lässig grinsend, oder satt lachend "hahaha!" Ausstrahlung Sunnyboy, layed back.
"Ej, fit " - nie wieder diesen anerkennenden Kommentar zu hören. Oder das halb ratsuchende, halb zweifeld fragende "Meinste?" Eigentlich hießzuhause das soviel wie:"Nee, glaub ich nicht so richtig!" Nie wieder das von ihm selbst zu hören, oder wenigstens über Telefon... es klingt noch nach im wehen Herzen der Erinnerung.

Lebensschnelldurchlauf

Automechanikerlehre, danach Übernahme in den Betrieb, immer Interesse am Besonderen, wie V8 Motoren. Aber Schulbank drücken-nee, das nicht noch mal! Mit den geschickten Händen tüfteln, mit sehr viel Geduld. Eine Mechanik austricksen, improvisieren auch bei Wüsten -und Urwaldhitze-ja! Aber nix am Hut mit Buchführung und Co. Motto: Man muß sich nur zu helfen wissen. Nur, leider weiß er nicht immer, wenn's um ihn selbst geht, umso mehr bei anderen. Vielen hilft er, wenige ihm. Er riecht, scheints, nach nichtneinsagenkönnen. Arbeitgeber (z.B.) haben eine gute Nase für so was.
Elternhaus, Deutschland und Europa werden ihm schnell zu eng(-stirnig). In die Weite, weit weg, nach Amerika mit zwei Freunden, von New York nach Alaska, und von Alaska nach Feuerland in einem klapprigen Dodge-wozu sonst ist man schließlich ein guter Automechaniker geworden? Es wird zwar nur ein halbes Jahr Nordamerika daraus, auch der beste Mechaniker muß schließlich zum Autoleichenschänder werden. Aber dort bleiben keine weißen Flecken mehr auf der Landkarte zurück. Nur aus dem Süden leuchtet es verlockend weiß von Mexikos Bergen...Zurück in den deutschen Alltag, alte Firma, wohnen bei Mutter und Stiefvater. Nach wenigen Jahren wird es eng. Wieder zu eng! Aus Saudi Arabien nicken ihm verlockend riesige Mobilkräne zu - als Gastarbeiter im Orient.
Eine Subkultur ist Heimat im fremden Land: Männercamp, kumpelige Anerkennung durch Ältere, Kauze, Eigenbrötler, Typen eben, und gutes, sehr gutes Geld! Abenteuerjob Mobilkräne warten. Spektakuläre Reisen, Tauchen im Roten Meer, riskante Bergungsarbeiten, Ausführung skuriler Aufträge und Unfälle. Selbst die ausgeschlagenen Schneidezähne, das unbetäubte Nähen der durchgebissenen Unterlippe werden zur breitgrinsenden Anekdote für den seltenen Heimaturlaub. Ein Kran war ihm auf den Kopf gefallen, hahaha!

Im Camp wird es aber auch immer wieder zu eng. Dann geht es zurück nach Deutschland, zuhause endlich wieder unter Frauen! Und ganz offiziell ein gutes Bier trinken. Er liebt die Frauen, und sie ihn! Partnerschaft eher kurz in dieser Zeit, obwohl auf Dauer projektiert, dafür intensiv und immer DIE EINE zur Zeit. Das Ziel der Frauen ist enger gefaßt als seins: Heiraten, Haus und Kinder. Zu unterschiedlich, er sucht das Weite. Selbst genügsam, mit wenig Komfort hochzufrieden, ist er doch großzügig und spendabel, Schmuck, gemeinsame Fernreisen, geteilte Freude ist doppelte Freude! Ein weites Herz. Am Ende wieder Abschied, Saudi-Arabien - es ist weit genug weg, u.s.w. ...

Dann plötzlich keine Kräne mehr und kein Arabien, doch wohin mit dem vielen Geld? Ein Ticket nach Kanada zur Traumfrau? War es wirklich zu teuer, weil Linienflug, oder war es doch nicht die Traumfrau? Ein Maserati Chamsin, von einem Saudi-Prinzen wird schließlichnach Deutschland eingeflogen und hier zugelassen. Unser Saudi-Prinz! Nach einiger Parkzeit in einer Garage der verlustreiche Verkauf.
Wieder arbeiten in Deutschlands Enge und enge Finanzen. Scheißwetter obendrein. Da war doch noch noch was? Amerikas Süden fehlt noch in der Sammlung, oder wenigstens die weit hin lockende Mitte- ein Freund will ein Auto nach Belize bringen, von den USA aus, Abenteuer ruft, mit Waffe gegen Bandidos gewappnet gehts los und geht gut.

Auch ohne Einsatz von Waffengewalt... Sonne, weiße Palmenstrände, blaues Meer, nette Leute mit tollen Plänen. Hier ist er schnell zu Hause. Schafft selbst einen Unimog nach Belize, baut ihn zum Touristenmobil mit Sitzen und Dach für die Regenzeit aus. Karrt Touristen, Goldsucher, offizielle und selbsternannte Forscher, Künstler und Abenteurer durch den Djungel. Zusammenleben mit einer jüngeren Freundin mit Kind. Kinder lieben ihn. Er wird selbst keine bekommen, dafür hat er gesorgt. Aber er kommt gut mit ihnen klar, vielleicht, weil er ihnen näher ist als die meisten Erwachsenen. Er lebt wie sie, von seinen Träumen, in den Tag hinein, mal sehen! nach der Arbeit Dann aus der Traum - Frau und Kind samt Haus weg, das er für alle auf dem Boden ihrer Familie gebaut hat. Geld weg, Konkurrenz mit Mauleseltouren versucht ihn aus demTouristengeschäft zu verdrängen, schmiert an einflußreicher Stelle. Es wird eng im Paradies. Kurze Brasilienepisode, dann neue Frau, neues Glück in Belize, Autos reparieren und fahren fürs Goldgräbercamp. Abgesang, finanzielle Enge, sie schickt ihn schließlich nach Hause. Ein Kumpel borgt ihm Geld für den Heimflug nach Deutschland.

Am Anfang gibt es Sozialhilfe, dann hilft ein wiederentdecktes Versicherungskonto, eine billige Unterkunft. Die alten Verbindungen funktionieren noch, und schnell ist ein Job gefunden. Das alte Problem: viel Arbeit, wenig Geld, und dem auch noch nachlaufen müssen. (Wenn man sein Auskommen hat, muß man nicht zwangsläufig schon leben.) Immer auf der Suche nach neuen Ufern. Autos nach Spanien bringen, und dann mit einer Frau, die dorthin auswandern will...Der Funke ist diesmal sehr heftig übergesprungen. Aus Spanien wird Süddeutschland und ein Job als Mann für alle Fälle bei einem renomierten Oldtimerhändler. Interessante Arbeit, Anerkennung, wenn auch nicht in klingender Münze, besseres Wetter, neue Liebe mit kompletter Familie.

Der Meister, mit dem er die Arbeit teilt, wechselt zur Konkurrenz, alles lastet auf ihm allein, Arbeit bis zum Umfallen, kein Urlaub, zu wenig Geld, fünfzig Jahre alt, die Mutter stirbt, die Wohnung auflösen, Probleme türmen sich, keine Zeit! Wäre er doch nicht so früh aus dem Krankenhaus weg, dann wäre sie nicht allein... keine Zeit! So viel Arbeit, so viel auf einmal. Alles so eng, zu eng...

Sie ist weit, die Ewigkeit, zu weit, und unser Herz wird eng, eng vor Schmerz!

Marie-Luise Windolph